Dikeman/Parker/Drake-03.11. - Der Jazz-Heinz

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Dikeman/Parker/Drake-03.11.

Jazz im Martinschlössl > Free Impro Jazz > zugehört/angehört > JiM-Konzerte 2016

JiM 55 - 03.November 2016
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DIKEMAN / PARKER / DRAKE
USA
John Dikeman - tenor saxophone / William Parker - double bass, shenai, shakuhachi, pocket trumpet
Hamid Drake / drums, frame drum, vocals

Ekstatischer Freiflug mit ethnischer Landungx

Zwei zentrale Persönlichkeiten der afro-amerikanischen "Nach Free Jazz Avantgarde", Ausnahmeschlagzeuger Hamid Drake (der endlich ins "Martinschlössl" geholt werden konnte) und Basslegende William Parker, bilden mit ihrem weißen Landsmann John Dikeman, einem nicht mehr zu überhörenden, auffallenden Stilisten auf dem Tenorsaxophon, ein Hochenergie-Triumvirat.x
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Dessen unverrückbarer Topos, strukturell wie klangästhetisch, wurzelt in einem Vergegenwärtigen der Errungenschaften des New Thing/Free Jazz/Great Black Music/Black Classical Music und einem,  in einer spontanen Korrelation sich ereignenden Vorantreiben. Vom ersten Moment an entfesselten die ungemein gelöst wirkenden Musiker einen tosenden Sturzbach extrovertierter Emotionen, die melodisch, inside wie outside, von einem heißatmigen Dikeman ausgelebt wurden und über die bebenden Rhythmusebenen, mit ihren abenteuerlichen polyrhythmischen Untiefen und Erhebungen, dahin preschten.x
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Dikemans Ton reißt Wände nieder. Er intoniert obsessiv, phrasiert messerscharf. Vom Röhren im tiefen Register ausgehend durchmisst er ungemein behände und auch in den extremsten Tonbeugungen kontrolliert, die Oktaven bis zum diskanten Schrei, aus dem flirrende Obertonreihen und Multiphonic-Ketten hervordrängen. Immer in engmaschigster Korrespondenz mit Drake, der mit einer Geschmeidigkeit sondergleichen, impulsgebend zwischen outrierter  Trommelwirbelei und tänzelnder Verspieltheit – in time/ out of time – umhersprang, und Parker, der in gediegener, punktuelle Spannungsakzente setzender Haltung die Tieftonummantelung bereitstellte.x
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Unter der Oberfläche dieser massiven Klangkonglomerate mit ihrer pulsierenden Makrostruktur, köchelten rhythmische Feinteile afrikanischen Ursprungs, rockaffiner Herkunft oder jazztraditioneller Eigenheiten. Das Geschehen siedete, ging aber nie über und plötzlich standen sie knietief im Blues – magnificent. Vielleicht auch ein Aufschrei gegenüber dem Zustand des derzeitigen Nordamerika. Das war das erste Set.x
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Der zweite erhob sich, nach einem weiteren Energieschub, in ethnomusikalisch beeinflusste Sphären. Eine Ausdrucksform die Drake und Parker in frei improvisatorischer Herangehensweise schon lange pflegen. Mit Rahmentrommel, shenai, shakuhachi, pocket trumpet wurden assoziativ, vertrackte nordafrikanische Achtelrhyth- men und chromatische Melodiebögen ausgebreitet. Doch es stellte sich keine solche Schlüssigkeit, Tiefgründigkeit ein wie es einst die "musikalischen Weltreisen" eines Don Cherry oder Art Ensemble Of Chicago vermittelten. Das die Improvisation nicht gänzlich in ein World Music Klischee abdriftete war Dikeman zu danken, der nicht in diesen Duktus einfiel, sondern die Meditationen seiner Partner mit abstrakten, indeterminierten Klangextrakten konterkarierte. Dennoch: man erlebte den Nachhall einer wahren "Spiritual Unity". -

Hannes Schweiger / JiM - #24 für www.jazzheinz.com

 

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